DIE FEMINISTISCHE BAUWENDE
EIN FUNDAMENTALER WANDEL
Der Bausektor muss sich radikal verändern: Weg von Profitmaximierung und Wachstumslogik – hin zu sozialer Gerechtigkeit, ökologischer Nachhaltigkeit und kollektiver Fürsorge. Eine feministische Bauwende stellt die zentrale Frage: Wer baut für wen – und wessen Bedürfnisse zählen? Es braucht nicht nur technische Lösungen, sondern ein tiefgreifendes Umdenken in Planung und Gestaltung.
Statt exklusiver Entscheidungen hinter verschlossenen Türen fordern wir echte Mitbestimmung: Stadtentwicklung darf nicht länger Sache von Expert*innen und Verwaltungen sein. Partizipation Planung – von der Idee bis zur Umsetzung – muss zum Standard werden, vor allem für jene, die bislang übergangen wurden: Frauen, Kinder, Migrant*innen, einkommensarme Haushalte. Feministische und geregte Stadtplanung lebt von Vielfalt, Transparenz und gemeinschaftlicher Verantwortung. Es geht um mehr als schöne Fassaden – es geht um Alltagsräume, Care-Arbeit, Klima und Gemeinwohl. Es ist Zeit für eine Bauwende - gerecht, vielfältig, widerständig.
KURZER HISTORISCHER ÜBERBLICK
1950er–60er Jahre: Kritik an autogerechter Stadt
Frauen wie Jane Jacobs kritisieren technokratische, männlich geprägte Stadtplanung (z. B. „Entleerung“ von Innenstädten zugunsten von Vororten und Straßen). Fokus auf lebendige Nachbarschaften, fußläufige Wege, Nutzer*innenperspektive.
1970er Jahre: Sichtbarmachung der Geschlechterrollen
Feministinnen (z. B. Dolores Hayden, USA; Ingeborg Junge-Reyer, BRD) analysieren, wie Städte Hausarbeit, Care-Arbeit und weibliche Mobilität erschweren. Forderungen nach dezentralen Infrastrukturen: Kitas, Einkaufsmöglichkeiten, Pflegeangebote in Wohnnähe.
1980er–90er Jahre: Praxis & Politik
Erste kommunale Gleichstellungsbeauftragte wirken in der Stadtplanung mit (z. B. Wien als Vorreiterstadt). Entstehung von Gender Mainstreaming in der Raumplanung.
2000er–heute: Inklusive Stadt
Feministische Planung verknüpft sich mit Klimagerechtigkeit, Barrierefreiheit und Diversität. Fokus auf sichere, zugängliche, vielfältige Räume für alle Geschlechter, Altersgruppen und Lebensformen.
RAUM-MACHT-UNTERSCHIED : ANSÄTZE UND THEMENPUNKTE IN DER FEMINISTISCHEN BAUWENDE
Dekonstruktion Patriarchaler Raumnutzung
Der öffentliche Raum ist nicht für alle gleich zugänglich. Städte sind historisch durch patriarchale Perspektiven geprägt: von der Priorisierung des Autoverkehrs (statt sicherer Wege für Fußgänger*innen oder Kinderwagen), über die unsichtbare Last der Care-Arbeit, bis hin zur Angst, nachts alleine durch den Park zu gehen. Wer darf sich wie, wann und wo aufhalten? Diese Frage ist politisch – und geschlechtlich aufgeladen.
Die Dekonstruktion patriarchaler Raumnutzung heißt: hinsehen, zuhören, Platz machen – und neue Räume schaffen, in denen andere Erfahrungen zum Maßstab werden. Denn wem der Raum gehört, der gehört auch die Stadt.
Mobilitätsmuster
Beispiel: 15-Minuten Stadt (Carlos Moreno)
Ein urbanes Planungskonzept, das darauf abzielt, alle wichtigen Einrichtungen des täglichen Lebens – wie Arbeit, Bildung, Einkaufen, Gesundheitsversorgung und Freizeitangebote – innerhalb von 15 Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad vom eigenen Wohnort aus erreichbar zu machen. Die Idee dahinter ist, Städte dezentral und vielfältig zu organisieren, sodass jede Nachbarschaft als eine Art eigenständiges, lebendiges „Dorf in der Stadt“ funktioniert.Damit wird nicht nur der Alltagsstress reduziert und Zeit gespart, sondern auch der motorisierte Verkehr verringert – was zu mehr Klimaschutz, sauberer Luft und lebenswerteren öffentlichen Räumen beiträgt.
Queere Räume
Queere Räume sind zentrale Orte für die Sichtbarkeit, Sicherheit und Selbstbestimmung von LGBTQIA+-Menschen im urbanen Raum. In der Stadtplanung sind sie nicht nur Rückzugsorte, sondern auch politische und kulturelle Räume, in denen queeres Leben sichtbar und gestaltbar wird.
Stadtplanung, die queere Räume aktiv mitdenkt, erkennt die Vielfalt städtischer Lebensrealitäten an und fördert soziale Gerechtigkeit. Das bedeutet unter anderem: Schutz vor Verdrängung durch Gentrifizierung, die Förderung von queerem Kulturerbe und die Gestaltung öffentlicher Orte, die unterschiedliche Identitäten einbeziehen – etwa durch genderneutrale Infrastruktur, sichere Aufenthaltsräume oder partizipative Planungsprozesse.
WO STEHEN WIR JETZT?
Die feministische Bauwende ist aktuell ein wachsendes, aber noch keineswegs etabliertes Transformationsfeld im Bau- und Planungswesen. Während sie zunehmend akademisch, politisch und praktisch diskutiert wird, bleibt ihre Umsetzung im Mainstream des Bauens begrenzt.